DIE „JUDENPOLITIK“ DES NATIONALSOZIALISTISCHEN REGIMES IN DER „OSTMARK“ NACH DEM „ANSCHLUSS“

Bis zum definitiven Auswanderungsverbot für jüdische Bürger_innen am 23.10.1941 hatten bereits ca. 128.500 Jüdinnen und Juden der nunmehrigen „Ostmark“ ihre Heimat verlassen, vor allem nach dem „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich am 13.3.1938, als schlagartig die im Deutschen Reich über Jahre eingeführten Schritte der Entrechtung und Diskriminierung im Eiltempo nachvollzogen wurden: Innerhalb weniger Monate wurden die jüdischen Bürger_innen systematisch aus dem öffentlichen Leben ausgeschlossen: Berufsverbote im öffentlichen Dienst und in freien Berufen, Ausschluss der Kinder und Jugendlichen aus den öffentlichen Schulen, Verbot der Benutzung öffentlicher Einrichtungen des Kulturbetriebes, des Sports, des Transports und vieles andere mehr. Spätestens durch den entfesselten Terror der Novemberpogrome 1938 war klar geworden, dass sich die jüdischen Österreicher_innen in größter Gefahr befanden. In Wien wurden im Verlauf der Pogrome, die hier nicht nur eine Nacht, sondern mehrere Tage und Nächte dauerten, 42 Synagogen und Bethäuser und andere jüdische Einrichtungen in Brand gesteckt und verwüstet; tausende jüdische Geschäfte und Wohnungen wurden, so sie nicht bereits in den Monaten vorher „arisiert“ worden waren, geplündert, zerstört und beschlagnahmt. Nicht jede der folgenden Zahlen ist definitiv gesichert, gibt jedoch die Größenordnungen wieder: In Wien wurden bei den Pogromen 27 jüdische Bürger_innen ermordet und 88 schwer verletzt, 6.547 inhaftiert und knapp unter 4.000 in das KZ Dachau deportiert. Ca. 800 Wiener Jüdinnen und Juden haben sich in diesen Tagen und Nächten das Leben genommen.

Im Gefolge der Pogrome emigrierten vorwiegend jüngere Personen, zurück blieben überproportional viele ältere und auch gesundheitlich angeschlagene Menschen, teils weil sie nicht mehr emigrieren wollten, vor allem aber, weil sie nicht rechtzeitig ein Aufnahmeland fanden.

Für die verbliebenen jüdischen Österreicher_innen war schon ab dem deutschen Überfall auf Polen am 1.9.1939 das Zeitfenster für eine reguläre Flucht weitgehend geschlossen. Bereits unmittelbar nach der raschen Eroberung Polens, im Zuge derer ungefähr 3 Millionen weitere Jüdinnen und Juden unter die Herrschaft des NS-Regimes geraten waren, begannen führende Vertreter des NS-Staates eine Debatte darüber, wie das durch Annexionen von angrenzenden polnischen Gebieten erweiterte deutsche Reichsgebiet „judenfrei“ gemacht werden könnte. Naheliegend war die euphemistisch als „Umsiedlung“ bezeichnete Vertreibung aller im nunmehrigen Deutschen Reich wohnhaften Jüdinnen und Juden in die besetzten, aber nicht-annektierten Gebiete Polens (vor allem das sg. „Generalgouvernement“). Und so setzten Überlegungen ein, wie und wohin man die Jüdinnen und Juden aus dem Deutschen Reich in die besetzten Gebiete deportieren könnte und welche Vorkehrungen dafür zu treffen waren.

In der „Heimat“ wurde die jüdische Bevölkerung als erstes gezwungen, ihre Wohnungen aufzugeben und in beengte Sammelwohnungen umzuziehen (s.u.). In den besetzten Gebieten wurde zunächst die Einrichtung von eigenen „Judenreservaten“ überlegt: Zur „Erprobung“ dieses von Adolf Eichmann ausgearbeiteten Plans ergingen schon im Oktober 1939 zwei erste Transporte mit 1.584 Männern aus Wien nach Nisko am San. Die meisten der Deportierten wurden allerdings nach ihrer Ankunft einfach über die Demarkationslinie in den sowjetisch besetzten Teil Polens getrieben. Ein kleinerer Teil wurde zur Errichtung eines Barackenlagers eingesetzt. Die Idee der „Judenreservate“ wurde bald fallengelassen und schlussendlich gelangten 198 der aus Wien nach Nisko Deportierten (vorübergehend) wieder in die Heimat zurück.

An die Stelle von zu schaffenden „Judenreservaten“ trat die Strategie der Deportation in die Ghettos polnischer Kleinstädte: Die erste derartige Deportation fand am 15. Februar 1941 statt. Die Unterbringung und Verpflegung der deportierten Wiener Jüdinnen und Juden oblag den in der Regel sehr armen lokalen jüdischen Gemeinden, die völlig unvorbereitet und daher in der Regel heillos überfordert waren. Obwohl die jüdischen Gemeinden ihr Bestes gaben, gerieten sie dennoch durch die wachsende Repression der Besatzer immer mehr unter Druck. Als „Fremde“ waren die dorthin Vertriebenen aus dem ehemaligen Österreich (und dem „Altreich“) in einem sich zuspitzenden Überlebenskampf naturgemäß benachteiligt.

Mit dem Beginn des Krieges gegen die Sowjetunion am 22.6.1941 radikalisierte sich der Umgang mit der jüdischen Bevölkerung der neu eroberten Gebiete: Unmittelbar hinter der vorrückenden Front fanden systematisch Mordaktionen durch Erschießungen statt, durchgeführt von Sondereinheiten. Die Deportationen aus dem Deutschen Reich inklusive der „Ostmark“ kamen dagegen vorübergehend zum Stillstand. Ab Ende Juli 1941 wurden Pläne für die „Endlösung der Judenfrage in Europa“ erstellt und erprobt, womit nichts anderes gemeint war als die Ermordung aller im Herrschaftsgebiet des Nazi-Regimes lebenden Jüdinnen und Juden. Was zum Teil schon gängige Praxis war, wurde bei der „Wannseekonferenz“ am 20.1.1942 auf Initiative und unter Federführung von Reinhard Heydrich (Chef des Reichssicherheitshauptamtes) mit allen beteiligten Stellen des NS-Regimes akkordiert und besiegelt: Die Mordaktionen sollten zukünftig in eigens dafür eingerichteten Vernichtungsstätten und in ausgewählten Konzentrationslagern durch giftiges Gas (Zyklon B) in Gaskammern erfolgen. Entsprechende Mordaktionen waren bereits – unter anderem mit sowjetischen Kriegsgefangenen – getestet worden. Zur Verschleierung wurde allerdings weiter von „Aussiedlung“ und „Evakuierung“ gesprochen. Unter den Vorzeichen einer sofortigen Ermordung erfolgten dann die großen Deportationen aus Wien zwischen Oktober 1941 und Oktober 1942.

Als mit dem Stocken der „Blitzkriegs“-Strategie im Feldzug gegen die Sowjetunion bereits nach einigen Monaten absehbar war, dass die Kriegswirtschaft im Deutschen Reich nicht auf einen längeren Krieg eingestellt war, gewann die bis dahin nicht systematisch angewandte Strategie der Ausbeutung der Arbeitskraft von Gefangenen für Kriegszwecke aller Art an Bedeutung. Und so wurden auch die in die Ghettos Deportierten und lokal ansässigen Jüdinnen und Juden nicht mehr wahllos ermordet, sondern zunehmend zur Zwangsarbeit herangezogen. Das führte einerseits zur verschärften „Selektion der Unbrauchbaren“ (Kranke, Alte und Kinder), die weiterhin möglichst umgehend ermordet wurden; andrerseits zur Verrichtung von schwersten Arbeiten bei gleichzeitig extrem harten Lebensbedingungen für die Arbeitsfähigen. Zwangsarbeit stellte also meist ein indirektes Todesurteil dar – die „Vernichtung durch Arbeit“ infolge von Entkräftung, Krankheit oder Gewaltausübung seitens des Wachpersonals. Gleichzeitig wurde Arbeitsfähigkeit zu einer kleinen Überlebenschance. Die Zwangsarbeit wurde typischerweise in Konzentrationslagern bzw. deren Nebenlagern und in eigenen Zwangsarbeiterlagern verrichtet. Die noch bestehenden Ghettos wurden allmählich aufgelöst.

Die in den Sammelwohnungen Wiens konzentrierten Jüdinnen und Juden wussten lediglich, dass sie „in den Osten“ „umgesiedelt“ werden sollten, aber weder den Zielort noch was sie erwartete. Wenn es soweit war, bekamen sie die Aufforderung, zu vorgegebenen Zeitpunkten auf bestimmten Bahnhöfen zu erscheinen und durften nur das Allernotwendigste und einen geringen Geldbetrag mitnehmen. Die jüdische Gemeinde wurde unter Druck gesetzt, an der Zusammensetzung der Transporte mitzuwirken. Angesichts des immer häufigeren Ausbleibens von Lebenszeichen der Deportierten wurden die entsprechenden Verständigungen mit dunklen Ahnungen und schlimmen Erwartungen entgegengenommen. Diese wurden schon beim Transport bestätigt: Typischerweise umfassten die Deportationszüge ca. 1.000 Personen. Nachdem diese dicht gedrängt in die bereit stehenden Eisenbahnwaggons (meist Güterwaggons) gepfercht worden waren, durchlitten sie eine qualvolle Fahrt, die bis zu 6 Tagen dauerte, voller Ungewissheit war, begleitet von Durst, Kälte oder Hitze, Hunger, fehlender Hygiene und medizinischer Betreuung. Dann wurden die Tore der Waggons geöffnet …. Welches Schicksal im Einzelnen die aus den Waggons taumelnden Menschen erwartete, entschied sich in Abhängigkeit von Zeit und Ort. Waren es zunächst die nicht darauf vorbereiteten jüdischen Gemeinden in den Ghettos polnischer Kleinstädte, führte später der Weg aus den Eisenbahnwaggons direkt zur Vernichtung in (getarnte) Gaskammern, in Lastwägen, in die Verbrennungsgase eingeleitet wurden, oder zu einer Erschießungsstätte. Insbesondere im späteren Kriegsverlauf wartete auf die Arbeitsfähigen unter den Deportierten ein Leben unter elenden Bedingungen, mit schwerster Arbeit, mit Quälereien und Misshandlungen – Umstände, die allesamt mit einer hohen Wahrscheinlichkeit verbunden waren, nicht lange am Leben zu bleiben. Das belegt die Gesamtbilanz der Deportationen in drastischer Weise: Insgesamt 48.953 jüdische Bürger_innen wurden von Wien aus deportiert. 47.219 bzw. 96,5% von ihnen überlebten die Nazi-Herrschaft nicht, nur 1.734 bzw. 3,5% kehrten zurück.